Ein Erfahrungsbericht: Erstens kommt es anders… oder wie aus einer schlechten Spiel-Erfahrung am Ende gutes Rollenspiel wurde

Ich grüße Euch, geneigte Leserin, geneigter Leser,

das CHRONIKEN VON MYHTODEA liegt nun gut drei Wochen hinter mir. Es war für mich eine absolut runde Veranstaltung, trotz kalter Nässe. Ich hatte sehr viel Spaß in meiner Peer-Group, tolles Charakterspiel, tolle Kämpfe auf einem unglaublich schön anmutenden und körperlich forderndem Gelände und der Veranstalter hat sich mit Hilfe der Nicht-Spieler und Festrollen redlich Mühe gegeben die Spielerschaft im großen Stile zu bespaßen.

Jetzt soll aber auch schon wieder Schluss sein mit den Lobpreisungen, ich finde, es ist irgendwie Zeit für ein aber… [Kunstpause; Tief Luft holen] Aber… obwohl ich rückblickend viele positive Eindrücke und Erlebnisse mit in die reale Welt mitnehmen durfte, gab es auch diesen einen persönlichen Spiel-Moment für mich, der mich nachhaltig nachdenklich stimmte und mir Anstoß gab, über diese Gesamt-Erfahrung abschließend einen Artikel in meinen Blog zu schreiben mit einem kleinen Blick hinter die Kulissen meines Rollenspiel-Daseins.

Ein Erfahrungsbericht:

„Ich war zu voreilig gewesen. Ich sah auf der rechten Seite den Untod vorrücken und habe versucht den Vormarsch zu bremsen, euch Zeit zu verschaffen, die Flanke zu halten. Aber ich war dort allein, zumindest waren dort nur Fremde, als ich fiel…“

Kausalität! Falsch getroffene Entscheidungen, Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion führten zu einer Spielsituation, die im ersten Moment sehr enttäuschend, nein, sogar frustrierend war für mich als Spieler, da ich dachte, mich selbst um schönes Rollenspiel gebracht zu haben und ich infolgedessen Schwierigkeiten hatte wieder zurück ins aktive Spiel zu finden. Aber es kam noch schlimmer…

„Als ich dort im Gras lag und das Leben aus mir rann war niemand da gewesen, ich war allein, mit Terra. Ich spürte meine Beine nicht mehr und ich kämpfte gegen den Schmerz und gegen die Ohnmacht an, blutend, keuchte und ächzte ich, mein Körper verfiel in Agonie. Aber es war niemand dort, niemand um zu helfen, niemand. Ich dachte wirklich, es geht zu Ende… doch als das Schlachtfeld lichter wurde kamen Siedler und sie liefen an mir vorbei. Ich wollte rufen, aber ich konnte nicht mehr. Ich wurde wütend. War ich das wirklich? Ich kann es nicht mehr sagen. Ich versuchte mich bäuchlings mit einem Arm den Hang hinunter zu ziehen und verfiel in ein Mantra, bat Terra mir Kraft zu geben nur noch ein wenig durchzuhalten. Doch auch im Gras kriechend bemerkte mich niemand. Ich fühlte mich von allen Sterblichen verlassen… und an der Schwelle zum Tod.“

Ich lag nur da und dachte mir:

„Was machst du jetzt damit?“

Der Charakter könnte sterben, aber doch nicht so!

Ich hatte Glück, dass mich jemand noch rechtzeitig fand, jemand, der mich und meinen Charakter kannte. Er opferte seine letzte Lebenskraft um das Leben meines Charakters zu verlängern. Das war der Wendepunkt in der Geschichte! Ich nahm sein Spielangebot an und nahm mir seine Lebenskraft…

„Ich fühlte mich von allen Sterblichen verlassen… und an der Schwelle zum Tod. Kein Gefühl mit dem man aus der Welt scheiden möchte, vermutlich war es das, was mich bis zum Schluss am Leben hielt, bis mich Marius fand und sich Terra von ihm all seine Lebenskraft nahm um mich und mein Leben zu retten.“

Kurz darauf wurden wir gefunden.

Gerettet!

Später am Abend.

Dieses Erlebnis hatte mich als Spieler und meinen Charakter gleichermaßen nachhaltig bereichert, aber ich brauchte tatsächlich ein wenig Zeit um darüber zu reflektieren und zu verstehen, was da eigentlich passiert war. Es war ein Scheideweg. Ich habe angefangen mit diesem Erlebnis zu spielen und es entwickelte sich aus den Erzählungen wie es oben und auch folgend zu lesen ist, wirklich schönes und intensives Rollenspiel, womit ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hatte. Auch hat diese Erfahrung mein Verhalten als Spieler und auch das Verhalten meines Charakters verändert:

„Nicht mehr allein, nein.“

Also, was lehrt mich diese Erfahrung?

Dieses Gefühl ist nur schwer in Worte zu fassen, es hat etwas mit einer positiven (Lebens-) Einstellung zu tun, in einer Niederlage auch eine Möglichkeit zu sehen und trotz eines Rückschlages einfach weiterzumachen. Und ich wurde belohnt!

„Aus alle dem was uns widerfährt, erheben wir uns mit neuer Kraft: So ist eben der Kreislauf, manchmal reißt es uns von den Beinen und im nächsten Augenblick stehen wir wieder. Wir Kinder Terras können nicht vergessen, aber wir geben uns auch nicht der Rachsucht hin und das Gefühl der Enttäuschung wird weichen. Es zählt nur, dass ich am Leben bin, ich all diese großen Momente mit euch teilen durfte und nun hier bei Dir sitzen darf, weil Terra entschieden hat, dass er mich noch braucht…“

Die Konsequenz wird sein, dass ich als Spieler sicher nicht mehr allein auf irgendein Schlachtfeld gehen werde ohne jemand neben mir zu wissen, dem ich vertrauen kann und von dem ich weiß, dass er alles tun wird mich zur Not raus zu hauen. Nicht mehr allein. Eine derartig erfahrene Hilfslosigkeit will ich mir als Spieler nach Möglichkeit ersparen, außer es ist mein persönlicher Wunsch und aus dramaturgischen Gründen sinnvoll, versteht sich. Ich mag Drama und persönliches Dilemma, aber ich spiele dann auch gerne den Regisseur.

Für den Charakter verhält es sich nicht anders. Er hat gelernt, einmal mehr, dass er alleine zwar immer noch ein machtvolles Werkzeug ist, aber alleine wird er die Welt nicht retten können. (Es soll immer noch Sterbliche geben die das ernsthaft glauben, ja.)

„Ja, ich habe ein wenig Vertrauen verloren, aber nicht in jene, die mir wichtig sind, die mir in all den schweren Zeiten so nahe waren, ein Grund mehr nicht mehr von ihnen zu gehen. Einmal mehr habe ich verstehen müssen, dass ich alleine nicht bestehen kann. Aber das muss ich auch gar nicht.“

Warum schreibe ich das und warum ist mir das offensichtlich wichtig genug?

Zum einen finde ich diesen Blick hinter die Kulissen bezeichnend für unser Hobby. Manchmal wird Rollenspiel konstruiert, was nicht schlecht sein muss, aber wie so oft entstehen die besten Geschichten durch reinen Zufall, denn ich habe erlebt, wie aus einer anfänglich frustrierenden und hoffnungslosen Situation etwas positives und viel größeres wurde. Das ist ein gutes Gefühl, auch wenn es „nur“ Live-Rollenspiel war und ist, aber ich nehme diese Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse mit in die reale Welt und vermag daraus zu schöpfen. Und eben derartige Erlebnisse machen mir das Hobby unter anderem so wertvoll.

Klingt noch nicht wie ein Schlusswort…

Aber vielleicht braucht es auch keines an dieser Stelle.

Ich wünsche Euch einen schönen Abend!

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Interessanter Bericht deines Charakters zu den Chroniken.
    Wollen dieses Jahr das COM selbst wieder besuchen und fragten uns bereits,
    wie die neue Veranstaltungsreihe sein würde.

    1. greywynd sagt:

      Schön, dass der Erfahrungsbericht gefällt! Ich fand es einfach mal ganz spannend, diesen Blick hinter die Kulissen, anders, der Blick in den Spieler hinter der Rolle. Im Live-Rollenspiel sieht man oftmals nur das Ergebnis einer Handlung oder einzelne Szenen, aber selten kann man die Handlung in ihrer Gesamtheit erfassen. Noch viel seltener ist zu erfahren, wie es überhaupt zu dieser kleinen Episode kam. Ich denke, der Artikel zeigt recht gut, wie ich als Spieler Live-Rollenspiel wahrnehme, worüber ich mir Gedanken mache, wie ich handele, wie ich mit Spielangeboten umgehe und wie ich selbst welche erschaffe.

      Zum CONQUEST OF MYTHODEA: Die neue Kampagne lädt eigentlich zu einem Wiedereinstieg ein, denn es gibt einem die Möglichkeit mit allen zusammen gleichermaßen bei Null zu beginnen und die neue Welt zu entdecken.

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