Forenrollenspiel(er) – Geschichtenerzähler oder Spielzerstörer?

Preiset die Schönheit, Bruderschwestern!

Heute möchte ich mich einmal mit dem Thema Forenrollenspiel beschäftigen.

Forenrollenspiel? Was ist das eigentlich:

Gehen wir in der Zeit doch ein wenig zurück,…

Okay, wir gehen sehr weit zurück, zurück in ein Land vor unserer Zeit, wo es echte Dinosaurier zwar trotzdem nur noch im Kino gab, aber eben auch keine internetfähigen Computer und ja, dies war wirklich so, denn ich war dabei!

Aber bleiben wir doch beim Thema Rollenspiel.

Damals hatte man noch Erzählrollenspiel / Pen & Paper [engl.] gespielt. Es gab einen Spielleiter, viele Spieler, eine spannende Geschichte, ein Sofa, Softdrinks und Chips, jeder hatte ein paar Eigenschaften mit Werten auf einem Zettel niedergeschrieben und über Erfolg oder Misserfolg einer Aktion entschieden die Würfel, nicht das persönliche Geschick. Dies ist die Kurzfassung.

Mit dem Beginn des Computerzeitalters gab es dann natürlich auch Computer-Rollenspiele. Erst waren es ausschließlich auf Text basierende Programme, später gab es dann grafisch aufwendig inszenierte Spiele die eine Interaktion mit der Umwelt erlaubte, so, wie wir es bereits aus dem Erzählrollenspiel kannten. In einem Computerspiel ist der Programmcode die Grenze, im Erzählrollenspiel die eigene Vorstellungskraft.

Der König ist tot, lang lebe der König!

Einige Erzählrollenspieler hatten zum Glück die multimediale Apokalypse überlebt und blieben ihrem Hobby treu, doch leider war das Leben in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren in den Jahren danach nicht leichter geworden, ganz im Gegenteil, wir Menschen hatten immer weniger Zeit, also nutzte man den technologischen Fortschritt und führte das Erzählrollenspiel mit Hilfe des World Wide Web in eigens dafür eingerichteten Internetforen weiter.

Das Forenrollenspiel war geboren!

Es war kein wirklicher Ersatz für eine gemütliche Runde Erzählrollenspiel mit Freunden daheim, aber es war eine Möglichkeit trotzdem seinem Hobby nachgehen zu können oder schlichtweg eine Alternative.

Eine ähnliche Entwicklung gab es dann auch im Live-Rollenspiel…

Live-Rollenspiel lebt davon, dass man selbst in eine Rolle schlüpft und einen Charakter darstellt, sowohl was seine Kleidung angeht, als auch seine weitere Ausrüstung, seine Art zu gehen, seine Sprache, seine Mimik, seine Laune, sein Sinn für Gerechtigkeit, seinen Heldenmut.

Man erlebt die Spielwelt aus der Ego-Perspektive dieses Charakters und wird Teil einer spannend erzählten Geschichte.

Diese Spielwelten sind mitunter sehr komplex, weswegen einige Inhalte bereits jetzt viele Bücher füllen, da diese Spielwelten seit vielen Jahren bespielt werden, sofern sie sich nicht eh an bekannten Romanvorlagen orientieren. Diese detaillierten und mitunter sehr umfangreichen Hintergründe, lässt eine Spielwelt erst lebendig werden, sie bildet eine Basis, ein Grundgerüst.

Handlung verändert die Realität.

Im Live-Rollenspiel verändert sich Geschichte durch die Handlungen der Spieler im Spiel, es findet also eine Interaktion mit dem Hintergrund statt und die Spieler nehmen so Einfluss auf den Verlauf der Geschichte einer fiktiven Welt.

Aber was passiert eigentlich mit dieser Spielwelt, wenn wir am Sonntag morgen in unsere Jeans schlüpfen, unser T-Shirt anziehen, unsere Sonnenbrille aufsetzen, wieder unser Mobiltelefon einschalten, in unser Auto steigen und nach Hause fahren?

Hierzu gibt es verschiedene Ansichten und Meinungen.

Für manche Spieler gibt es kein Rollenspiel außerhalb von Rollenspiel-Veranstaltung.

Es gibt auch sicherlich Konzepte, wo die Veranstaltungen zeitlich gesehen lückenlos aneinander gereiht werden, diese bilden meiner Erfahrung nach aber eher die Ausnahme, da mir selbst auch kein derartiges Konzept bekannt ist. Dennoch wäre es denkbar.

Normalerweise begegnen wir auf Rollenspiel-Veranstaltungen verschiedener Großereignisse einer Spielwelt, wie z.B. gewaltiger Bedrohungsszenarien, Naturkatastrophen, großen Festivitäten oder kleineren kämpferischen Auseinandersetzungen, Bürgerkriege.

Das sind aber fast immer zeitlich begrenzte Großereignisse!

Doch was geschieht danach?

Rollenspiel lebt von seinen Konflikten, von klassischen Feindbildern, vom Kampf Gut gegen Böse, von Licht und Dunkelheit.

Kaum einer möchte ein einfaches Leben abseits großer Abenteuer und Heldentaten bespielen, wobei eben auch derartige Szenarien mitunter sehr spannend sein können.

Geht man dennoch davon aus, dass eine Spielwelt kontinuierlich weiter existiert, dann haben die bespielten Charaktere auch ein Leben abseits der Rollenspiel-Veranstaltungen und um auch diesen Teil eines Hintergrundes zu bespielen, ist Forenrollenspiel sehr hilfreich!

Forenrollenspiel hilft dabei die Geschichte der Charaktere vor und nach einer Rollenspiel-Veranstaltung weiterzuerzählen und den Charakter mit weiteren Details lebendig werden zu lassen.

Live-Rollenspiel ist ein Hobby, dem man sich im Vergleich zum gewöhnlichen Alltag nur wenige Tage im Jahr widmet und natürlich geht man in einer fiktiven Spielwelt davon aus, dass die Charaktere auch abseits großer Schlachten und Bedrohungsszenarien ein erdachtes Leben führen.

So werden sie sesshaft, führen ein Einsiedlerleben, pflegen diplomatische Beziehung oder spinnen ein Netz aus Intrigen.

Das hört sich jetzt ja alles gar nicht so negativ an…

Ist es auch nicht, denn wie bei allem macht erst die Dosis das Gift aus.

Um das gleich vorweg zu nehmen, ich mag maßvolles Forenrollenspiel, ich schreibe auch gerne Kurzgeschichten oder schreibe Dialoge mit anderen Charakteren Schrägstrich Spielern. Ich habe sehr viel Freude am Schreiben und vor allem daran Geschichten zu erzählen.

Ich kann über das Forenrollenspiel auch Plot vorbereiten, ich kann Plot nachholen, ich kann Gespräche nachholen, für die ich keine Zeit mehr hatte, ich kann Gespräche vorziehen, um daran anknüpfen zu können.

Auch habe ich schon rückblickend Erlebnisse auf Rollenspiel-Veranstaltungen niedergeschrieben, zum einen, um die Erinnerung an große Momente zu bewahren, auf der anderen Seite war es auch als Danksagung an die daran beteiligten Spieler und Nicht-Spieler gedacht.

Es gibt also genug Beispiele und gute Gründe, warum Forenrollenspiel sinnvoll sein kann, denn man bedenke, eine Rollenspiel-Veranstaltung ist leider meist ein sehr kleines (Zeit-) Fenster im Leben eines Charakters, Forenrollenspiel kann helfen, weitere Fenster zu öffnen, um so mehr Tiefgang zu ermöglichen.

Aber es kommt eben auf einen maßvollen Umgang mit dem Forenrollenspiel an.

Zum einen ist es möglich, sich um wirklich schönes und intensives Live-Rollenspiel zu bringen, wenn man viele Handlungen im Forenrollenspiel vorweg nimmt.

Ich steuere das für mich ganz bewusst, ich entscheide selbst, was ich im Forenrollenspiel bespielen möchte und was ich lieber selbst erleben mag.

Man kann durch Forenrollenspiel potentiell gutes Spiel zerstören, in dem man es vorweg nimmt.

Auch sehen Kritiker im Forenrollenspiel die Gefahr, dass dort für jeden lesbar Informationen preisgegeben werden, auf die niemand sonst als die daran beteiligten Charaktere Zugriff haben.

Die Gefahr besteht tatsächlich!

Es gibt leider viele Spieler, die sich so einen persönlichen Vorteil verschaffen wollen und Informationen im Forenrollenspiel sammeln und diese auf Rollenspiel-Veranstaltungen verwenden.

Das nennt sich Crossplay.

Die unabsichtliche oder absichtliche Vermischung von in und außerhalb des Spiels gesammelten Wissens.

Die Gefahr des Crossplay ist durch das Forenrollenspiel deutlich größer geworden, denn das Internet vergisst so leicht nichts!

Ich betone aber, dass es nicht das Forenrollenspiel alleine ist, die Spieler reden auch so miteinander über das beste Hobby der Welt, ihre Charaktere, innerweltliche Politik und Intrigen. Auch in diesen Gesprächen gelangt man mitunter an Informationen, die der selbst dargestellte Charakter nicht im Spiel erhalten hätte.

Wie so oft im Live-Rollenspiel zählt auch hier ein fairer Umgang miteinander.

Vor allem tut man sich damit auch keinen Gefallen, anderen Spielern auch nicht, aber es geht ja meistens um das eigene Ego…

Tatsache ist, dass man sich mit zu viel Wissen den Spaß am Live-Rollenspiel auch vermiesen kann, es nimmt einen unter Umständen den Überraschungsmoment und auch davon lebt unser Hobby.

Gerade im Intrigenspiel ist es schwierig, es gibt so viel Informationen in den verschiedenen Foren einer Spielwelt, man könnte ketzerisch sagen, dass das Agentenspiel in einer Mittelalter-Fantasie-Welt nur noch im World Wide Web stattfindet und wer diesen Weg nicht geht, der ist auf einer Live-Rollenspiel schlecht informiert und im Nachteil.

Das ist durchaus ein Problem, keine Frage.

Und es ist sehr schwer dagegen an zukommen.

Zum Glück gibt es Spieler, denen diese Entwicklung egal ist und sie klassisch mit Beinarbeit sich erspielen, was sie sich eben erspielen wollen an Informationen. Sie geben sich nicht diesem Trend des Forenrollenspiels hin.

Es ist ja geschätzt auch immer noch eine Minderheit, was gut und gesund ist.

Mein Appell: Forenrollenspiel kann eine Bereicherung für eine Spielwelt und das eigene Charakterspiel sein, wenn es in Maßen stattfindet. Dabei ist immer auf eine ganz klare Trennung von In-Time und Out-Time Informationen zu achten, auch sollte man sich ein Bewusstsein dafür schaffen, was man wirklich nur im Forenrollenspiel bespielt und welche Geschichten lieber am eigenen Leib erlebt werden sollten, denn womöglich schafft man so auch Spielangebote für andere Spieler, was immer das oberste Ziel ist.

Und ansonsten gilt nur Live ist live!

(Und Forenrollenspiel ist eben nur Forenrollenspiel)

Das Live-Rollenspiel lebt nicht nur von seiner Interaktion, sondern auch von gelebten Emotionen und diese sind im Forenrollenspiel nur sehr schwer zu transportieren.

Ich wünsche Euch was!

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Laracoa sagt:

    Ein paar Sachen fallen mir dazu noch ein 🙂
    Zum Einen gibt es ja auch reines Forenrollenspiel – mein Hobby schon lange bevor ich den ersten Schritt auf einem Larp oder den ersten P&P Würfelwurf getan hatte. Und ich muss sagen, die Emotionalität ist dabei mindestens genauso stark ausgeprägt und spürbar wie im Livespiel selbst, zum Teil sogar noch stärker, weil man sich dort bewusster darauf einlassen kann als es für mich im Live möglich ist.
    Am Gefühl fehlt es mir beim Forenspiel wirklich nicht – was habe ich dabei nicht schon geweint.

    Aber ich wollte auf etwas ganz anderes hinaus: Crossplay dank Forenspiel-Informationen.
    Ich spiele Vampire-Live – ein Spiel das von Geheimnissen, Intrigen und Lügen lebt. Auch wir spielen viel übers Forum, denn man hat nicht immer Zeit sich für jedes Gespräch zu treffen. Aber natürlich darf das niemand mitlesen der nicht dabei ist, sonst könnte man ja sämtliche Intrigen gleich öffentlich zur Abstimmung geben.
    Also gehen wir entweder den Weg über eingeschränkte Leserechte – nur die direkt beteiligten Mitspieler dürfen das Spielforum einsehen, Dringliches kann auch per Privater Nachricht, skype etc. geklärt werden. So gerät gar nicht erst jemand in Versuchung.
    Geheimnisse bereichern das Spiel ungemein – und Crossplay kann man nur verhindern indem man es gar nicht erst ermöglicht 😉
    Eine wie ich fand gute Lösung für das leidige Problem des Offplay-Gequassels bat mir neulich eine Berliner Requiemgruppe: „Wer spielrelevante Informationen ausplaudert, offenlegt oder auch durch Schusseligkeit zugänglich macht, dessen Charakter hat die bereffende Information auch dem Charakter des Gesprächspartners offengelegt“ So ist eine informative OT-IT Trennung nicht mehr nötig, denn jeder wird von sich aus zusehen dass er nichts relevantes verrät. Und wenn doch, darf damit absolut legal gespielt werden… 🙂
    Liebe Grüße,
    Lara

    1. greywynd sagt:

      Ja, danke Lara, das ist eine Möglichkeit mit Crossplay durch unüberlegter Umgang mit spielrelevanten Informationen zu sanktionieren, nach dem Motto „Gesagt – Getan“. Ich habe Vampire-Live noch nie gespielt, kenne nur die Erzählrollenspiel-Vorlage. Tatsache ist: Ich bin ein Geschichtenerzähler und manche Geschichten sind zwar im Spiel privater Natur und manchmal auch Geheim, aber zu gut und zu stimmungsvoll, um nicht auch all jene zu erreichen, die einfach nur eine schöne Geschichte erzählt bekommen wollen, an denen sie aber nicht direkt mit ihrem Charakter teilnehmen können, wo wir wieder dabei sind, wie eine gut erzählte Geschichte eben auch Emotionen transportiert und für den geneigten Leser oder die Leserin spürbar werden lässt. Es ist schwierig da einen Kompromiss zu finden, außer an die Vernunft der Spieler und Spielerinnen zu appellieren.

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