Charakterkonzepte, ein kleiner Appell oder die Frage: Passe ich mit einer 46 auch in eine 34…? (die Antwort lautet ja, aber es sieht Sch**** aus!)

Ich grüße Euch, geneigte Leserin, geneigter Leser,

um gleich Missverständnissen vorzubeugen und ins Thema voll einzusteigen:

Mir geht es in diesem Artikel ganz definitiv nicht um die Denunzierung von Menschen (Ich habe es für Euch extra unterstrichen), die dem von der Gesellschaft propagierten Schönheitsideal in welcher Weise auch immer nicht entsprechen!

Es geht mir hier um Charakterideen und Charakterkonzepte, welche schlichtweg nicht auf die Personen zugeschnitten sind, welche diese Rollen verkörpern wollen.

Aus der Sicht eines Mannes…

Machen wir uns nichts vor, liebe Rüsselträger, wir wollen alle irgendwie Besonders sein, einen Heldencharakter spielen, einen strahlenden Ritter, wir wollen im Mittelpunkt stehen, Frauen sollen uns Männern nach geifern, uns zu Willen sein, am Besten gleich drei auf einmal, Frauen fallen reihenweise in Ohnmacht wenn wir nur über den Marktplatz flanieren und es sollen Heldenlieder über einen gesungen werden, Abends am Lagerfeuer…

Das kann eine sehr schöne Geschichte sein, aber der Weg dorthin ist lang, beschwerlich und meistens scheitert diese Unternehmung leider an den eigenen (nicht vorhandenen) Fähigkeiten und der maßlosen Selbstüberschätzung, mit der wir uns regelmäßig in unserem Hobby konfrontiert sehen.

(Frauen schaffen das übrigens auch, nur so nebenbei!)

Sicher ist es reizvoll den strahlenden Held in seiner glänzenden Rüstung zu spielen, aber bitte bitte bitte zieht Euch ein „Kleid“ an welches Euch auch wirklich passt!

Ich bin nun seit vier Jahren aktiv im Hobby, das mag jetzt keine nennenswerte statistische Größe sein, zum Vergleich, es gibt Spieler, die über zehn Jahre schon an Rollenspiel-Veranstaltungen teilnehmen und bei den Elementen weiß was erlebt haben, mein Fenster ist schlichtweg kleiner, dennoch kann ich hindurch sehen und mir darüber eine Meinung bilden. Wie repräsentativ diese Meinung am Ende ist, müsst Ihr dann bewerten…

Lange rede, kurzer Sinn: Ich habe schon Spieler und Spielerinnen erlebt, die sich Rollen herausgenommen haben und kläglich in ihnen untergegangen sind.

Nicht jeder Mensch taugt von Natur her zur Rampensau, ich ganz sicher definitiv auch nicht.

Ich musste das in einem mir möglichen Maße auch lernen.

Es geht auch nicht zwingend darum seine komplette Identität zu verlieren, dies gelingt in der Tat nur sehr wenigen Spielern.

Man muss gelernter Schauspieler oder eben sehr begabt sein, vielleicht auch unter einer vorangeschrittenen Persönlichkeitsspaltung leiden, maybe, um sein ganzes menschliches Wesen abzulegen und in eine andere neue Rolle zu schlüpfen, die beispielsweise in jedweder Hinsicht konträr zur eigentlichen Persönlichkeit verläuft. Das ist die Königsklasse und gelingt, wie gesagt, nicht vielen Spielern, eher wenigen.

Es ist bedeutend einfacher sich selbst zu spielen. Vielleicht die eine oder andere Ausprägung des eigenen realen Charakters in eine andere Richtung zu lenken, sie verstärken oder abschwächen. Das sind Möglichkeiten.

Wenn ich im wahren Leben rechtschaffen bin, meine Steuern regelmäßig zahle, bei Rot an der Ampel stehen bleibe und den Menschen wohlwollend gegenüber, könnte ich vielleicht einen strahlenden Ritter oder Paladin spielen, welcher jedem in Not geratenen Menschen zur Hilfe eilt, sich in Schlachten dem Feind stellt, um die Schwachen und Wehrlosen zu schützen, dabei sogar seinem eigenen Leben einen bedeutend geringeren Wert beimisst.

Ein klassischer Held.

Nur als einfaches Beispiel.

Es ist nicht nötig sich ganz zu verbiegen, wie bereits gesagt, dies ist auch sehr schwer.

Ich kann es verstehen, wir wollen nicht uns selbst spielen, das wäre ja auf Dauer auch langweilig, aber es ist immerhin ein Anfang!

Klar kann man auch bösartig und hinterlistig sein, aber es kostet oftmals Überwindung, mich jedenfalls, wenngleich ich mich jetzt hier auch nicht als Gutmensch bezeichnen möchte, aber Menschen ins offene Messer laufen zu lassen liegt mir im Spiel einfach nicht, weil es nicht meinem realen Wesen entspricht. Aber ich bin lernfähig…

Auch sei erwähnt, dass man nicht zwingend einen Heldencharakter spielen muss. Überhaupt nicht! Ich würde sogar davon abraten, denn Helden werden in keiner Spielwelt einfach so in die Welt hinein geboren…

Die kleinen feinen Rollen, Holzfäller, Bauern, Knechte, Mägde, Jäger, einfache Soldaten sind oftmals viel aufregender und gerade für den Einstieg leichter umzusetzen.

Auch wenn ich mich wiederhole, aber niemand, wirklich niemand wird als Held geboren!

Ich habe für mich den Anspruch, dass ich eine Geschichte über den Charakter erzählen möchte, den Charakter, welchen ich verkörpere. Und wie jede gute Geschichte gibt es einen Anfang und ein Ende und in guter alter H.P. Lovecraft Tradition, endet die Geschichte meistens mit dem Tod des Charakters…

Oder er verfällt dem Wahnsinn.

Manchmal sowohl als auch, vielleicht, in zufälliger Reihenfolge.

Über das genaue Ende, bin ich mir jetzt noch nicht ganz sicher, aber ich habe ja auch noch ein wenig Zeit. Das letzte Kapitel meiner Geschichte wurde noch nicht aufgeschlagen!

Man bedenke auch, manche Rollen benötigen auch umfangreiche Ausrüstung und verschiedene Gewandung, welche für eine glaubhafte Darstellung essentiell ist. Das ist mitunter sehr teuer.

Aber dies ist nur ein Aspekt eines fiktiven Charakterkonzepts, Kleider machen Leute, wie man sagt, ja, aber wer sich nicht seinem Stand entsprechend benimmt, steht schnell als Hochstapler oder als Depp da, dies sollte man sich auch mal durch den Kopf gehen lassen.

Kleidung und Ausrüstung hält unter Umständen nur eine Maskerade aufrecht, die fällt, sobald man den Mund öffnet.

(Nein, nicht wegen dem Mundgeruch. Seufz.)

Genauso verhält es sich mit kämpferischen Charakteren, welche immer in der vordersten Schlachtreihe streiten, aber mehr Prügel einstecken als auszuteilen vermögen.

Dem folgt dann der Frust über die eigene Unfähigkeit mangels der Fähigkeit sich selbst zu reflektieren. Der Spieler wird wütend, hat sich nicht mehr unter Kontrolle und spätestens dann wird es gefährlich für die Mitspieler.

Über den sehr anspruchsvollen Kampf mit zwei Waffen will ich gar nicht sprechen…

Der Umgang mit Polsterwaffen will gelernt sein, denn es sind immer noch Waffen!

Geben wir uns nicht der falschen Illusion hin, ich habe in den vier Jahren drei mal in meinem unmittelbaren sozialen Umfeld erlebt, dass der Weg ins Krankenhaus angetreten werden musste, wegen Schnittwunden und Platzwunden und zwar nur wegen unsachgemäßer Ausrüstung bzw. falschen und unumsichtigen Umgang mit Polsterwaffen.

Gerade wenn es auch um das Bogenschießen geht mit gepolsterten Pfeilen…

Viele wünschen sich schärfere Kontrollen, denn jeder darf Bogenschießen, sofern er gewisse Grundvoraussetzung mitbringt, die sich jedoch nicht auf die Fähigkeiten des Schützen beziehen, sondern nur und einzig auf seine Ausrüstung!

Der Bogen darf allgemein nur eine Zugkraft von maximal 23-25 Pfund haben, auf kurzen Distanzen reicht dies trotzdem, um jemanden ernsthafte Verletzung zuzufügen, gerade, wenn aus versehen der Kopf getroffen wird.

Auch das fällt unter Selbstüberschätzung!

Bogenschießen im LARP und LARP-Kampf allgemein will gelernt sein!

Es geht ja auch weniger um effizienten Kampf, es geht um Darstellung von Kampf. Der eigene Vorteil, der eigene Gewinn besteht darin, aufregende Geschichten und Abenteuer zu erleben, dazu gehören mitunter auch große Schlachten, aber vor allem geht es darum miteinander zu spielen und umstehenden Spielern eine gute Show abzuliefern.

Live-Rollenspiel ist kein Wettstreit, es ist ein gemeinsames Spiel!

Und nicht jeder verlorene Kampf muss mit dem Tod des eigenen Charakters enden, vor dem so viele Spieler ja Angst haben, ganz im Gegenteil, in den meisten Fällen ist dies sogar verpönt, wenngleich das Regelwerk den Charaktertod vorsieht.

Auch dies ist ein kontrovers diskutiertes Thema, aber darauf werde ich vielleicht in einem anderen Artikel noch näher eingehen.

Ich möchte einfach an dieser Stelle noch mal zum Nachdenken anregen:

Die wenigsten Spieler sind von Natur aus gute Kämpfer, die den sicheren Umgang mit Waffen beherrschen.

Zum Glück gibt es genug, die genau diese Gefahren erkannt haben und sich ihren persönlichen Fähigkeiten entsprechend verhalten. Absolut lobenswert und wichtig!

Sicher passieren Unfälle, aber viele Verletzungen können schlichtweg vermieden werden. Die Wartung der eigenen Ausrüstung bzw. das Tragen von Schutzausrüstung kann Unfälle verhindern.

Blicken wir weiter…

Wenn ich mit dünnem Stoff bekleidet in die Schlacht gehe, sollte ich mir überlegen, ob ich an vorderste Front stehen muss und aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, wenn ich jemand nur in Stoff gehüllt vor mir stehen habe, muss ich mich fragen, ob es nicht genügt, meinen Gegenüber nur leicht mit der Waffe zu berühren, denn Blutergüsse braucht niemand.

Oftmals mangelt es an der Wahrnehmung für sein Umfeld oder in diesem speziellen Fall für sein Gegenüber.

Verlassen wir das Schlachtfeld für den Moment und kehren zurück zu Spielern, die zu viel wollen und vor allem sich selbst damit keinen Gefallen tun…

Ich habe Spieler u.a. in Führungspostion erlebt, die an ihrer Aufgabe regelrecht zerbrochen sind, die sich so übernommen hatten, dass sie sich irgendwann aus dem Spiel nehmen musste oder aus dem Spiel genommen wurden, da sie emotional nicht mehr fähig waren weiterzumachen.

Das mag im Einzelfall nicht schlimm sein.

Jeder hat mal einen schlechten Tag, persönliche, familiäre und / oder gesundheitliche Probleme und was wären wir für Menschen, wenn wir uns über all jene erheben würden und behaupten, uns würde es niemals mies gehen.

Dies wiederum ist an unserem Hobby wunderbar, denn in den meisten Fällen suchen wir uns ein soziales Umfeld aus, in dem wir uns wohlfühlen und wo wir mit unserer Persönlichkeit und unserem Wesen hineinpassen.

Darum soll es hier aber nicht speziell gehen.

Es geht mir um jene Spieler, die an der ihnen im Spiel gegebenen Aufgabe zerbrechen, weil sie die Rolle schlichtweg nicht ausfüllen können und auf diese Art und Weise scheitern.

Das mag erst einmal nur frustrierend für den Spieler selbst sein, da er mit Ablehnung und Ungehorsam konfrontiert wird, er gemieden wird und vielleicht nicht sofort versteht, warum seine Mitspieler, weiter, sein soziales Umfeld so reagiert.

Entfernen wir uns weiter, kann dies aber auch zur Folge haben, dass der Spieler in seiner Führungsposition durch seinen Mangel sich selbst reflektieren zu können, auch das Ansehen einer gesamten Spielergruppe schmälert und dies wiederum kann weitreichende Folgen haben, im Spiel, leider aber auch über die Grenzen hinaus, bis hin in die reale Welt.

Auch dies mögen Einzelfälle sein, aber ich habe es schon erlebt!

Andere Menschen zu führen muss man lernen, auch hier gibt es nur wenige Menschen, denen diese Gabe in die Wiege gelegt wurde.

In meinem Beruf habe ich Personalverantwortung, ich musst auch lernen zu delegieren, anzuleiten und zu führen.

Warum sollte das in einem Spiel anders sein?

Nur weil es ein Spiel ist?

Das ist eben der Unterschied zu einem Erzählrollenspiel oder einem Computer-Rollenspiel: Dort erwirbt man Fähigkeiten über ein Punktesystem und der Charakter kann dann einfach.

Dieses Konzept existiert auch teilweise im Live-Rollenspiel.

Aber am Ende kannst Du eben doch nur was Du kannst…

Einen schönen Tag wünsche ich Euch noch!

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Mein ehrliches und großes Kompliment die Komplexität des Charakterspiels so gut in Worte zu fassen um den Kern zu benennen und aufzuzeigen, aber nicht mit dem Finger in eine Richtung zu deuten. Auch ich spiele nun seit über 18 Jahren und kann dir zu diesem Artikel nur zustimmen.

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