Was ist Live-Rollenspiel eigentlich? – Sichtweise eines Infizierten, der sich nicht für seinen Eskapismus schämt

520px-Biohazard_symbol.svg.pngGeneigte Leserin, geneigter Leser,

wer an dieser Stelle gleich an eine Zombie-Apokalypse denkt, ist hier schon einmal vollkommen richtig!

All jene, die sich jetzt denken „Äääääähmmmm… What?!“ sind hier in jedem Fall auch nicht ganz falsch.

Ich möchte Euch nur bitten noch ein wenig Geduld mit mir zu haben und ein wenig weiter zu lesen, denn ich will versuchen Live-Rollenspiel mit eigenen Worten kurz zu erklären, nebenbei meine persönliche Philosophie in Bezug auf Live-Rollenspiel mit Euch zu teilen und zu erklären, warum ich gerne sehr viel Zeit alleine im Wald verbringe, um u.a. Zwiegespräche mit mir selbst zu führen.

Und zum Schluss dieser kurz gehaltenen Einleitung an alle anderen, die Angst vor Bakterien oder Viren haben, welche sich über das geschriebene Wort, vom Bildschirm her, durch das menschliche Auge, in die Netzhaut und dann weiter bis ins Hirn hinein fressen und sich dort wie ein Parasit einnisten, Euch allen sei gesagt:

Hey, sorry guys, aber lesen auf eigene Gefahr, okay?

Ich bin auch infiziert, aber ich kann damit eigentlich ziemlich gut leben.

Aber fangen wir doch einfach mal an…

Was ist Live-Rollenspiel (LARP) eigentlich?

Der Begriff LARP ist die Abkürzung für den englisch geprägten Begriff Live Action Role Playing, frei ins Deutsche übersetzt Live-Rollenspiel.

Es gibt sicher mehrere Möglichkeiten zu Beschreiben, was Live-Rollenspiel ist:

Man könnte es als improvisiertes Laientheater ohne Script bezeichnen, denn wir sind frei in unserem Handeln, die einzigen Fesseln, die wir haben, sind die, die wir uns selbst in unserer Rolle auferlegen, es gibt eine Rahmenhandlung, aber wir bekommen keine Zeilen in den Mund gelegt, unser Verhalten ist uns nicht vorgeschrieben, außer wir verfolgen rollen-spezifische Prinzipien.

Kausalität ist ein wichtiges Thema, Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion, alles was wir in unserer Rolle mit unserem Charakter tun, wird zwangsweise eine Reaktion zur Folge haben. Wir interagieren miteinander, wir interagieren mit der Umwelt und sie interagiert wiederum mit uns!

Das Spiel verfolgt den Regeln des menschlichen Zusammenlebens und den physikalischen Gesetzen unserer realen Welt, meistens jedenfalls. Wir haben diese Welt nur um Aspekte erweitert, sie neu eingefärbt, beispielsweise andere Völker hinzugefügt, andere Kulturen, gar andere Rassen und andere Götter.

Einige Spielwelten sind sehr fantasievoll gehalten, andere wiederum bespielen alternative Realitäten, u.a. gibt es da post-apokalyptische Szenarien und es gibt auch Spielwelten, in denen einzelne Epochen der realen Historie der Menschheitsgeschichte authentisch nachgestellt werden.

Im letzten Beispiel wird Geschichte für uns real erlebbar gemacht, über den pädagogischen Nutzen möchte ich an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, da er meiner Meinung nach offensichtlich ist. Nur kurz, viele Schulen und private Initiativen (z.B. Waldritter e.V.) haben Live-Rollenspiel für sich entdeckt und fördern gezielt junge heranwachsende Menschen, in dem sie eben nicht stumpf aus Büchern lehren, sondern Geschichte erlebbar machen.

Schulen im skandinavischen Raum verfolgen dieses Konzept schon seit vielen Jahren und ist dort fester Bestandteil des Lehrplanes! Dies sei nur mit fuchtelndem Zeigefinger und mahnenden Blick am Rande erwähnt.

Kommen wir zurück zum Thema…

Live-Rollenspiel ist also mehr als nur Verkleiden, durch den Wald rennen und sich mit gepolsterten Schwertern auf den Kopf hauen.

Sicher, Kampf ist im Live-Rollenspiel ein Thema, denn, wie es nun mal so ist, gibt es auch in einer Fantasy-Spielwelt leider Neid und Missgunst und wo Worte eben nicht genügen, sprechen eben die Schwerter miteinander…

So gesehen wird das Rad im Live-Rollenspiel nicht neu erfunden, denn warum studieren wir Geschichte? Richtig. Damit sie sich nicht wiederholt. Eigentlich.

Auch ich habe blauäugig einmal gehofft, dass die Menschen aus der Geschichte lernen und in einem Sandkasten, wie einer fiktiven Fantasiewelt auf einer Rollenspiel-Veranstaltung, manche Fehler einfach nicht noch einmal tun, doch da war ich wohl zu optimistisch. Seufz. Grummel. That’s the game.

Aber ich schweife ab…

Was Live-Rollenspiel ist habe ich, damit sich der unwissende jedoch interessierte Leser oder die Leserin darunter etwas vorstellen kann, erklärt.

Wer mehr wissen möchte und interessiert ist, dem empfehle ich folgenden Link:

http://www.larpwiki.de/LARP

Dort erfährt man ausführlich etwas über das beste Hobby der Welt!

So, weiter im Text!

Live-Rollenspiel ist wirklich ein sehr komplexes Thema. Ich habe versucht mit wenigen Worten zu erklären, worum es eigentlich dabei geht, aber im Grunde habe ich nur an der Oberfläche gekratzt.

Andere Völker, andere Kulturen, andere Rassen, andere Götter…

Das ist nur der Anfang!

Eine andere fremde Sprache birgt schon das Problem der Verständigung im Spiel, Missverstehen ist womöglich die Folge. Kulturelle Unterschiede, andere Religionen kennen wir aus unserer realen Welt, die daran verknüpften Schwierigkeiten sind in einer fiktiven Spielwelt kaum anders. Wirtschaft, Politik, Machtstrukturen ich sag es noch mal, wir erfinden das Rad im Live-Rollenspiel nicht neu, die Probleme und Herausforderungen bleiben erhalten, wir haben nur die Chance spielerisch damit umzugehen ohne reale Konsequenzen fürchten zu müssen, die uns in den Alltag und bis zu unserem Ende verfolgen.

Dies macht den Unterschied.

Und eben dies übt auch einen sehr großen Reiz aus, das ist das Spiel!

Auf der einen Seite ist es sicherlich eine Form des Eskapismus, das ist in den Urlaub nach Gran Canaria fliegen, ins Kino gehen, in die Diskothek, in den Zoo, ins Museum, DVD schauen, sich vor die Konsole hocken und zocken auch!

Bleiben wir mal bei der Wahrheit!

Im Falle von Live-Rollenspiel scheint diese Flucht nur, wie soll ich sagen, für jeden offensichtlich zu sein, vor allem für jene Menschen, die von sich selbst glauben oder behaupten, dass ihnen der Alltag in einer Leistungsgesellschaft nicht täglich zusetzt und eine Flucht aus dem gewohnten Umfeld nicht nötig erscheint:

Bitte sehr, viel Spaß, der nächste Sommerurlaub sei damit gestrichen! Und mit Freunden Fußball schauen ist auch nicht mehr drin! Das haste davon. Schönes Leben weiterhin.
Ihr versteht worauf ich hinaus möchte?

Es ist vollkommen legitim und kein Zeichen von Schwäche sich bewusst einen Ausgleich vom Alltag zu schaffen, ganz im Gegenteil, denn jener Ausgleich ist essentiell, wir leben nicht um zu arbeiten, sondern wir arbeiten und müssen Geld verdienen, damit wir in dieser Gesellschaft überleben können!

Wer nur arbeitet, sich ständig unter Druck setzt und sich auch vom Kopf her nie von seiner Arbeit und seinem Alltag lösen kann, wird auf lange Sicht krank und leider denke ich mir das nicht aus…

Ein wenig mehr Toleranz würde ich mir nur wünschen.

Und weniger Neid und Missgunst, nur weil wir Live-Rollenspieler einen Weg für uns gefunden haben, unser Leben lebenswerter zu gestalten.

Hobbys sind so wichtig!

Total egal, ob ich in meiner Freizeit an meinem Auto rum schraube, Zinn-Miniaturen anmale oder Briefmarken sammele.

Klar, Live-Rollenspieler werden oftmals als Freaks dargestellt und hey, ich bin auch ein Freak, meinetwegen, klingt erst mal komisch, fühlt sich jetzt aber nicht irgendwie schlecht an.

Und nehmt bitte Abstand von lästigen Pauschalisierungen: Auch im Live-Rollenspiel gibt es sicher gescheiterte, kaputte und hässliche (Anm.: Bezogen auf ihr Wesen, nicht ihr Aussehen!) Menschen, die gibt es im Fußballstadion und auf der Tanzfläche aber auch.

Die Verschiedenheit der teilhabenden Menschen ist kein Phänomen von Live-Rollenspiel!

Tatsache ist, dass wir Live-Rollenspieler für uns einen Weg gefunden haben, uns mit Freunden zu treffen, um gemeinsam tolle Geschichten zu erleben, um Zeit miteinander zu verbringen und ein paar Tage die Arbeit eben nur Arbeit sein zu lassen, wir uns vom Alltag ablösen, wir nicht alle zwei Minuten auf unser Handy starren, um zu sehen, wer jetzt schon wieder was in einem sozialen Netzwerk gepostet hat, wir nicht ständig erreichbar sein wollen, weder über Telefon, noch über Mail.

Ich nenne das multimediale Entschlackung.

Wirkt wirklich Wunder!

Ich bin selbstständiger Dienstleister im Bereich Ton, Licht, Video und Bühnentechnik und faktisch immer erreichbar und abrufbar. Ich stehe mit meinen Auftraggebern im ständigen Kontakt, ein hohes Maß an Flexibilität wird von mir erwartet und der Preis ist, dass ich eben ständig erreichbar sein muss, ansonsten schaue ich in die Röhre.

Im Live-Rollenspiel ist mir das alles egal, weil mein Telefon ausbleibt und ich mit dem wenigen, was ich habe, auskomme.

Was brauche ich schon zum Leben?

Ich habe eine Frau an meiner Seite, Freunde um mich, in meiner Rolle habe ich eine Aufgabe, ich habe Zeit über offener Flamme zu kochen, mit frischen Zutaten, die zubereitet werden müssen. Ich nehme mir die Zeit, weil ich keine Verpflichtungen habe, die ich mir nicht selbst auferlegt habe. Ich bin an der frischen Luft, wandere stundenlang über Wiesen und Felder, sitze auf einem Baumstumpf im Wald, beobachte die äsenden Rehe und es ist vollkommen egal wie lange ich da sitze, ich schaue auch nicht auf die Uhr, denn ich habe keine bei mir. Wenn ich mich mit jemanden treffen möchte im Spiel, dann tue ich dies zeitnah, wenn es mir möglich ist. Eine genaue Uhrzeit habe ich nicht, man spricht von Tageszeiten, vom Stand der Sonne oder des Mondes, im besten Fall.

Und wenn ich das hier so schreibe, oh ja, da fällt mir auf, dass es mal wieder Zeit für mich wäre fortzugehen, durch das Tor zu einer anderen Welt.

Nicht mehr lang…

Einen schönen Abend wünsche Euch noch!

Nachsatz: Wer es nie selbst erlebt hat, wird es an dieser Stelle vielleicht nicht verstehen, mit Worten kann man auch nur schwer beschreiben, was es bedeutet an einem derart intensiven Erlebnis teilzuhaben. Natürlich ist und bleibt es immer eine Frage, was man selbst daraus macht, aber wer bemüht ist, wird meistens mit tollen Spielerlebnissen belohnt.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. greywynd sagt:

    Hat dies auf Von Menschen, Zwergen und Elfen rebloggt und kommentierte:

    Weil ich immer wieder gefragt werden, was ich eigentlich die ganze Zeit im Wald so mache: Hier die Antwort!

    1. greywynd sagt:

      Freut mich, dass meine Beschreibung zum besten Hobby der Welt so gut gefällt. 🙂

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