„Am Anfang war…“ oder wie erschaffe ich einen Charakterhintergrund

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

auf große einleitende Worte möchte ich an dieser Stelle bewusst verzichten und stürze mich und Euch stattdessen gleich direkt ins Thema:

Charakterhintergründe im Live-Rollenspiel.

Zunächst ein kleiner Schwank aus meiner Jugend…

Ich habe früher schon Kurzgeschichten verfasst, noch lange bevor ich vor über zehn Jahren mit Erzählrollenspiel angefangen hatte. Ihr erinnert Euch? Schon damals war ich bei meiner Rollenspielrunde dafür bekannt, vielleicht sogar berüchtigt, lange, mitunter sehr lange Hintergründe reich an Details für zu bespielenden Charaktere zu erschaffen, mit Zeichnungen, Bildern von Behausungen, Wohnung, Ausrüstungsgegenständen, tierische Begleiter, Stammbäumen der Familie, Freunde, Feinde, Kontakte, Inhalt des Kühlschrankes,… einfach alles!

Geschichte zu erschaffen und Geschichte zu erzählen, hat mir schon immer sehr viel Freude bereitet, es nimmt bisweilen auch sehr viel Zeit in Anspruch, die ich mir in meinem Hobby auch gerne nehme, da sie meiner Meinung nach essentiell ist, denn ohne Hintergrund, kein Rollenspiel, da keine Rolle.

Gehen wir mal ein wenig ins Detail…

Ähnlich wie die Wahl der passenden Gewandung im Live-Rollenspiel, ist die Hintergrundgeschichte ein Gewand, in welches ich mich und den Charakter kleide, der Unterschied ist jedoch, den Charakterhintergrund sieht man nicht immer notwendigerweise…

Ebenso zähle ich Körpersprache, Verhalten und Sprache an sich dazu, auch jene Merkmale eines Charakters geben mitunter Auskunft über die Herkunft und den Stand, anders, Auskunft über seinen Hintergrund.

Aber kehren wir doch an dieser Stelle erst mal wieder zur Verknüpfung von Gewandung und Hintergrundgeschichte zurück!

Der eine oder andere mag für sich jetzt denken, was wäre, wenn ich jemanden von Adel spiele, aber enterbt wurde und eigentlich keine Münze mehr in der Tasche habe, ich meine Seidenklamotten gegen Lumpen getauscht habe, meine Rüstung verkauft, damit ich etwas zu beißen zwischen den Zähnen kriege und eigentlich echt ein armer gar nicht so alter Schluckerspecht bin…

Tada!

Ihr habt soeben einen Hintergrund geschaffen für Euer Konzept.

Gar nicht so schwer, oder?

Das war jetzt nur ein plumpes und sehr spontanes Beispiel, welches mir beim Schreiben gekommen ist.

Schon jetzt ist ersichtlich, dass für eine stimmige Charakterdarstellung, Charakterhintergrund und Gewandung sehr eng miteinander verknüpft sind, aber augenscheinlich nicht sein müssen.

Mal ein anderer Ansatz…

Besondere Ausrüstungsgegenstände als Teil des Charakterkonzeptes?

Ich bin persönlich kein Verfechter davon, einen Charakter beispielsweise auf Ausrüstung wie Rüstung und Waffen aufzubauen, aber es ist ein legitimer Weg, es ist eben nur die Frage, wie man diesen Weg beschreitet!

(Anders, was man daraus macht)

Als ich damals vor vier Jahren mit Live-Rollenspiel angefangen hatte, hatte ich auch diesen Weg beschritten, denn ich hatte dieses Breitschwert mit dem goldenem Pariere und Knauf. Als einfacher Rekrut der Stadtwache Mitrasperas war dies schwer zu rechtfertigen, also habe ich eine plausible und fantasievolle Geschichte um dieses Schwert ersonnen, warum mein Charakter eben genau dieses Breitschwert besessen hatte und was es ihm bedeutete.

Und da wären wir bei J.R.R.Tolkien angelangt!

Tolkien hatte, wie viele ja vielleicht wissen, die Geschichte des Herren der Ringe, des kleinen Hobbits und des Silmarillions erschaffen, um u.a. einen Hintergrund für seine fantasievolle Elbensprache zu schaffen. Das war zumindest ein Aspekt.

Mich persönlich hat dieser Umstand sehr inspiriert.

Um aber nach diesem kurzen Ausflug nach Mittelerde noch mal kurz bei dem Beispiel mit dem Breitschwert meines Charakters zu verweilen…

Was bringt es mir im Live-Rollenspiel zu wissen, wo das Schwert eigentlich herkommt und warum ist es so wichtig für mich eben dies zu wissen und mir Gedanken darüber zu machen?

Ganz einfach!

Mein Charakter, ohne detailliert auf den Hintergrund eingehen zu wollen, ist nicht von Adel und er sieht auch nicht so aus. Er trägt einfache Waldmannskleidung und trägt eben jenes Schwert mit güldenem Knauf und Pariere.

Bei genauerer Betrachtung fällt schon auf, dass dieses Breitschwert irgendwie nicht zum Rest passt, anders ausgedrückt, ich habe einen kleinen aber feinen Kontrast zwischen Gewandung und Ausrüstung geschaffen.

Jetzt mag der Betrachter augenscheinlich meinen, dass ich als gedankenloser Spieler die falsche Wahl in Bezug auf meine Bewaffnung getroffen habe und ich stattdessen eine Axt in der Hand halten sollte oder einen Speer oder eine Heugabel. Ich kann diesen Gedanken jenen Menschen, die dann kopfschüttelnd dastehen und sich denken, dass ich ja der totale Nichtskönner bin, nicht ganz verübeln (Okay, ehrlich gesagt, lache ich sie aus!), da ich sie ja quasi zu dieser Denkweise verführe…

Vielmehr hinführe!

In diesem Fall ist es mein Charakter, mein Spiel, meine Regeln.

Natürlich möchte ich, dass diese augenscheinliche Abweichung gesehen wird. Ich sage jetzt nicht, dass sie ins Auge springen soll, denn das kann und muss er auch gar nicht, weil es nicht meinem Wunsch entspricht. Es ist einfach nur ein kleines Detail, welches interessierten Spielern eine Tür zu meinem Charakterhintergrund öffnen soll und vor allem passiv offen hält.

Ich möchte, dass der interessierte Spieler nachfragt!

Der dargestellte Kontrast zwischen Gewandung und Ausrüstung ist ein Spielangebot, welches ich allen interessierten Spielern anbiete, denn darum geht es doch!

Es geht darum, dass wir miteinander spielen, miteinander interagieren und tolle Geschichten gemeinsam erleben können. Auf diese Weise schaffe ich eine Verbindung zu anderen Spielern her und habe bisher nicht einmal ein Wort mit ihnen gewechselt:

(Ein schlauer Mann hatte einmal festgestellt, dass man nicht nicht-kommunizieren kann…)

Ein argwöhnisch fragender Blick? Stirnrunzeln? Nicht zu bändigende Neugierde? Da fragt man doch mal nach wie es sein kann, dass ein Streuner so ein prachtvolles Breitschwert trägt. Vielleicht ist es ja gestohlen und es winkt eine Belohnung für den edlen Recken, der den gesuchten Dieb stellt? Möglichkeiten über Möglichkeiten.

Das klingt jetzt vielleicht nach Selbstbeweihräucherung in Bezug auf meinen eigenen Charakterhintergrund, aber darum geht es mir in der Tat nicht. Ich möchte einfach nur an diesem Beispiel Wege aufzeigen für schöne stimmige Charakterkonzepte und Euch vor Augen führen, welchen Gewinn dies für das persönliche Rollenspielerlebnis haben kann…

Aber Moment mal!

In diesem Beispiel, wenn ich also mir selbst Gedanken darüber machen muss, warum mein Charakter dieses auffällige Schwert trägt, habe ich ja die ganze Arbeit geleistet und am Ende habe ich genau was davon?

Eine Antwort auf eine Frage!

Und diese Antwort ist zwar nicht 42, kann aber Spiel nach sich ziehen, wenn der Mitspieler, nachdem er ja schon interessiert nachgefragt hat, vielleicht sogar darauf eingeht.

Kausalität, Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion.

Genau da möchte ich hin!

Sich selbst in schicke Klamotte zu schmeißen und in Vollplatte mit gehobenem Schwert über das Schlachtfeld zu rennen, macht noch kein gutes Rollenspiel aus und einen guten Hintergrund schon mal gar nicht.

Da gehört tatsächlich mehr dazu, sorry!

Ich habe in den letzten vier Jahren sicher nicht alles gesehen oder erlebt, was die LARP-Welt so zu bieten hat an fantasievollen und guten oder katastrophalen Charakterkonzepten und -hintergründen, aber ich sage mal, ich habe einen guten Eindruck davon bekommen, wie viel Wert andere Spieler auf einen plausiblen und detailliert beschriebenen Hintergrund legen.

Objektiv betrachtet ist es natürlich logisch und nachvollziehbar, dass ich alles und jenen an mir selbst messe und andersherum. Absolute Objektivität ist… schwierig, wenn man Teil von etwas ist.

Manche Charakterkonzepte und Hintergründe, die ich kennenlernen durfte, konnte man in drei Zeilen festhalten, andere wiederum füllten viele Seiten, gar Bücher.

Was ein guter und stimmiger Charakterhintergrund ist, ist immer ein streitbares Thema, da ein Charakterhintergrund immer von der Fantasie (Kreativität) und auch von dem Faktor Zeit abhängig ist.

Jetzt ist es natürlich so, dass es in unserem Hobby unterschiedlichste Ausprägungen gibt, auch Extreme, in meinem Fall ist es eine Extreme, da die Hintergrundgeschichte meines von mir gegenwärtig bespielten Charakter ursprünglich acht Seiten umfasste, denen mittlerweile aber über 30 (!) Kurzgeschichten gefolgt sind, welche seine erlebten Abenteuer beschreiben und jene Geschichten und Handlungen fortführen, die auf einer Rollenspiel-Veranstaltung nicht zu Ende bespielt werden konnten oder auch gar nicht dafür vorgesehen waren.

Auch beschreibe ich in meinen Kurzgeschichten viele Erlebnisse, die ich selbst auf einer Rollenspiel-Veranstaltung erlebt habe, lasse die geneigte Leserin oder den geneigten Leser so an der Gedankenwelt meines Charakters teilhaben.

Dies setzt natürlich eine strickte Trennung von Im-Spiel-gesammeltes-Wissen (In-Time-Wissen) und Außerhalb-des-Spiels-gesammeltes-Wissen (Out-Time-Wissen) voraus. Eine Vermischung nennt man Crossplay, diese Begrifflichkeiten seien hier aber nur am Rande erwähnt für das weitere Verständnis.

Aber was will ich mit so vielen Kurzgeschichten und so viel Informationen erreichen?

In erster Linie ist es eine Hilfe für mich selbst.

Alles was ich mir selbst ausgedacht oder was ich mit meinem Charakter erlebt habe, wird in meinem Kopf real, wenn ich es niederschreibe. Ich kann leichter darauf zurückgreifen, wie, als würde ich auf reale Erinnerungen zurückgreifen. Absolut kein Hexenwerk, sondern ein normaler Lernvorgang.

Dadurch gewinnt ein Charakter natürlich an Komplexität und wirkt lebendiger.

Ich kann als Spieler auf Erinnerungen meines Charakter spontan zurückgreifen und diese glaubhaft wiedergeben. Das ist die Form von Immersion, welche ich mir im Live-Rollenspiel für mich wünsche!

Ich möchte nicht nur einen anderen Charakter glaubhaft darstellen, sondern ich möchte auch wie ein anderer Mensch oder Nicht-Mensch denken, sehen, sprechen, hören, handeln und fühlen! Eben dies macht doch den Reiz aus…

oder etwa nicht?

Eine gute Nacht, wünsche ich!

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