Wie ich zum Live-Rollenspiel gekommen bin – Eine (fast schon) philosophische Betrachtung

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

nachdem die erste Hürde geschafft ist mich vorzustellen, will ich mal trotz der späten Stunde ins Thema Live-Rollenspiel einsteigen. Wie viele andere Menschen und Nicht-Menschen auch, gehöre ich zu der Gattung der Nachteulen, anders ausgedrückt, ich bin meistens dann aktiv und vor allem kreativ, wenn andere Menschen und Nicht-Menschen schlafen, was aber nicht heißt, dass ich schlafen kann, wenn andere Menschen (oder Nicht-Menschen) arbeiten, denn dann arbeite ich meistens selbst.

Dies sei aber nur am Rande erwähnt, mein Anliegen ist eigentlich ein anderes, nämlich, wie ich den Sprung vom Papier zum wahren Leben geschafft habe.

Das klingt jetzt gewiss vollkommen hochtrabend, zugegeben, vielleicht auch verstörend, ein wenig provoziere ich das ja auch, aber es sei Euch gesagt, dass es von meiner Seite her mit einem Augenzwinkern geschieht. Ich habe keine erwähnenswerte psychologische Störung, also hoffe ich, dass ich nicht erklären brauche, wie dies alles zu verstehen ist, denn meiner Erfahrung nach erkennt man Ironie, wenn man darüber stolpert.

Aber genug jetzt!

Ich stelle mir selbst nun eine wesentliche Frage,eigentlich die einzige Frage auf die es eine Antwort gibt, die ausnahmsweise nicht 42 lautet:

Wie zum Kuckuck bin ich dazu gekommen mich in einfache Leinenlumpen zu kleiden, die ich auch noch selbst nähe, mich tagelang im Wald zu verschanzen, bei Minustemperaturen zu zelten, ohne fließend Wasser, ohne Strom, mit Feuer, ohne Internet, ohne Smartphone, ohne Fernseher, ohne Konsole… und mich dann auch noch mit anderen begeisterten Hobbyisten mit Hilfe von Plastikschwertern zu prügeln?

Berechtigte Frage, könnte man meinen…

Alles fing an mit meinem Super Nintendo (SNES), der ersten Konsole meines Lebens. Okay, ich hatte noch einen Atari ST, aber vermutlich weiß niemand mehr, was… ach, lassen wir das. Den jüngeren Leserinnen und Lesern sei an dieser Stelle dennoch gesagt, dass dies eine Konsole war mit 16 Bit-Technologie und in Farbe. Jaaaaaaaaaaaaaaaaa… das war damals eine Sensation! Aber egal.

Damals jedenfalls habe ich das Interesse für Rollenspiele (Zelda, Secrets Of Mana), entdeckt…

Wobei, nee, eigentlich nicht. Ich muss noch weiter zurückspulen, in eine Zeit, lang vor Eurer Zeit… vermute ich mal. Na ja, gut, zum Glück sind einige liebe Menschen mit mir alt geworden, was das Leben irgendwie erträglicher macht und auch nicht ganz so einsam. Gerade mache ich mir nur Sorgen, wie ich denn in 20 Jahren von mir und meinem Leben spreche und klingen mag. *seufz* Aber ich schweife ab.

Also, es fing irgendwann an mit Rollenspiel, eigentlich sogar Live-Rollenspiel, ich wusste das damals nur nicht, dieser Begriff war uns noch nicht bekannt oder es war noch nicht erfunden. Internet gab es ja auch nicht. Es war einfach normal, sich mit seinem Kumpel zu verkleiden oder auch nicht, andere Rollen anzunehmen, Geschichten, Filme nachzuspielen. Da wurden Raumschiffe im Kinderzimmer gebaut, da wurde im Hof gespielt, leider damals noch mit vielTelling, aber damals war mir das egal, heute kann ich da gut drauf verzichten. Es wurde auch wirklich alles bespielt, vor allem aber Alternate Realitys und Science Fiction. Gerade Agenten-Szenarien waren sehr spannend, teilweise aus Lego-Steinen wurden dann Scanner, Hacking Tools, Laptops, Kartenlesegeräte und vieles mehr gebaut, heute brauche ich dagegen keine Lego-Steine mehr, dann nehme ich zur Darstellung einfach… ein Laptop, ein Kartenlesegerät, Hacking-Software als Mini-Game verpackt und gut. Waren einfach andere Zeiten – damals.

In jedem Fall hat dies wohl den Grundstein für meine heutige Begeisterung für das Rollenspiel gelegt.

Aber die Reise ging noch weiter…

Nach meiner ersten Konsole kamen dann die Computerspiele: Baldur’s Gate, Icewind Dale, Planescape Torment, Das Schwarze Auge – Schatten über Riva… Allesamt Klassiker der PC-Rollenspiel-Geschichte! Fast alle genannten Titel habe ich auf Englisch damals gespielt und war von der Spielwelt und den Möglichkeiten begeistert. Absolut epische Geschichten, aufregende Abenteuer mit tollen Wenden, für damalige Zeiten tolle Grafik, klasse Soundtrack. Heute spiele ich Spiele wie The Elder Scrolls V: Skyrim oder Fallout New Vegas, Open-World-RPGs, mit gefühlter Unendlichkeit an Möglichkeiten, aber der Schein trübt, damals wie heute, denn die Grenze ist nicht die Vorstellung der Person, die vor dem Monitor sitzt, sondern der Programmcode.

Das war frustrierend! Ich hatte diese Bilder im Kopf, ich hatte diese Ideen, ich las Bücher von Tolkien, sah Filme im Kino und auf DVD und ich stellte fest, dass es so unglaublich viele aufregende Geschichten zu erzählen, zu erleben gab, aber man selten Teil einer jener Geschichte wurde. Ein Computerspiel ist ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, aber auf Dauer nicht befriedigend, ich wollte absolute Freiheit und die bekam ich schließlich im Erzählrollenspiel (Penn&Paper).

Erzählrollenspiel wurde eigentlich durch Das Schwarze Auge und Dungeons & Dragons in Deutschland populär. Ich hatte mich schon zu Schulzeiten mit Erzählrollenspielen und Regelwerken auseinandergesetzt, aber mich damals nie getraut mich einer Gruppe anzuschließen. Es gab Mitschüler, die Das Schwarze Auge spielten, aber ich fand einfach keinen Zugang, bedauerlicherweise, ich wollte mich schlichtweg nicht aufdrängen.

Ich kaufte mir dann selbst das Regelwerk zu AD&D, hab dann als Frischling mal eine Runde geleitet, jedoch mit Menschen, die von Erzählrollenspiel noch weniger wussten als ich selbst…

Es war zum Scheitern verurteilt und frustriert landete das Regelwerk im Regal.

Ich besitze es aber heute noch aus sentimentalen Gründen, vermutlich.

Als dann die Schule vorbei war und ich zur Bundeswehr kam, ich sozusagen eine neue Stufe erreichte in meinem Dasein, erlebt ich eine neue Art des Rollenspiels, um genau zu sein entdeckte ich Live-Rollenspiel mit Flecktarn und scharfen Waffen. Ich muss gestehen, hätte ich dem damals so offen gegenüber gestanden wie ich es heute tue, dann hätte ich echt Spaß haben können bei Y-Tours, aber irgendwie lebte ich dort in meinem Schneckenhaus und wollte nicht so wirklich hinaus, traute mir und meinem Körper einfach nichts zu. Chance vertan, würde ich mal sagen, aber jammern bringt bekanntlich nicht viel.

Meine Zeit bei der Bundeswehr hat mich dennoch weitergebracht, mich vor allem aber mit Menschen zusammengebracht, die ebenso Interesse am Erzählrollenspiel hatten, wo die Chemie stimmte und die auch noch in meiner Stadt lebten.

Über viele Jahre spielten wir fast jedes Wochenende DSA, Shadowrun, Endland, Hunter… Es war echt toll! Während dieser Zeit entdeckte ich auch meine Leidenschaft und Affinität fürs kreative Schreiben, meine Hintergrundgeschichten wurden immer länger, mein Schreibstil und meine kreativen Wortschöpfungen und Grammatik immer individueller, die Charaktere immer detaillierte, mit Stammbäumen, Zeichnungen, Zitaten, es wurde mehr und mehr und mehr und mein Spielleiter hatte teilweise schon die Arme über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn ich mal wieder mit einer kurzen 20 Seiten Hintergrundgeschichte zu einem neuen Charakter vorbeikam. Ich musste die Geschichten immer vorab zuschicken, es gab da Deadlines vor jeder Kampagne.

Irgendwann, wir wurden älter, gemeinsam, änderte sich unser Leben, einige studierten, andere arbeiteten. Es wurde schwieriger sich regelmäßig zu treffen, Schicksalsschläge, Missverständnisse, falsche Entscheidungen und irgendwann verlor sich die Spur im Sande…

Ich bedauere dies, noch immer, es war wirklich eine sehr schöne Zeit, aber darüber zu sinnieren, wie toll und einfach damals doch alles war, bringt niemanden weiter, mich selbst schon einmal gar nicht, also spare ich mir die Tränen.

Weiter im Text!

Der Juggersport war die nächste Stufe der Evolution. Ich habe 2004, glaube ich, angefangen mit dieser Sportart, die schon sehr viele Elemente des Live-Rollenspiel-Kampfes enthielt. Es wurde mit gepolsterten Waffen gekämpft, es wurde ein Hundeschädel gejagt, der in die gegnerische Endzone gebracht werden musste. Einige alte Leser, sogar älter als ich, erinnern sich vielleicht an Jugger – Blood Of Heroes mit Rutger Hower (Schreibt man den wirklich so?). Dies diente damals, auch wenn die Leute es nicht gerne hören, als Vorlage. Der Juggersport hat heute mit jener Vorlage jedoch nichts mehr zu tun, dies muss ich an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit sagen. Seit ein paar Jahren ist der Juggersport in einigen Bundesländern vom jeweiligen Landessportbund auch als richtiger Sport anerkannt. Dies war ein großer Schritt und den Mühen einiger weniger aktiven Spieler zu verdanken.

Aber ich schweife wieder ab…

Über den Juggersport lernte ich Menschen und Nicht-Menschen kennen, die bereits Erfahrung mit einem Hobby hatten, welches mir bis dahin fremd war: LARP.

LARP oder Live-Action-Role-Playing war zu diesem Zeitpunkt schon keine neue Erfindung mehr, sie war nur komplett an mir vorbeigegangen. Ich wurde neugierig und beschloss, mal eine Veranstaltung zu besuchen, schaffte mir bisserl Ausrüstung an und…

Verwarf den Gedanken wieder, weil ich einfach keine Zeit fand, keine Möglichkeit, keinen Mut.

Dann irgendwann kam wieder dieser Gedanke auf und da stand diese konkrete Frage plötzlich im Raum „Hast Du Bock mitzukommen?“ und ich antwortete aus dem Affekt heraus mit „Ja!“ womit mein Schicksal besiegelt war.

Im Jahre des Herren 2009 fuhr ich zum Conquest Of Mythodea, ich war damals Rekrut der Stadtwache, kein Spieler, sondern geleiteter Nicht-Spieler (GSC). Um es kurz zu sagen:

Mich hat diese Erfahrung total geflasht. Ich hatte zuvor nie etwas vergleichbares erlebt, gesehen, davon gehört. Es war absoluter Input-Overload und ich brauchte viele Tage, um wieder klarzukommen mit der realen Welt, kein Witz! Und das ist ein absolut schonungsloses und ehrlich gemeintes Statement von mir. Ich habe das Hobby damals unterschätzt.

Wer heute glaubt, der Sprung vom Papier in die wahre Rollenspielwelt sei ein kleiner, der irrt, der irrt sogar gewaltig. Der Sprung ist größer als eine Reise zum Mond!

Um ein Schlüsselerlebnis aus der Erinnerung wiederzugeben:

Ich war damals gut im Training dank dem Juggersport und der Arbeit. Ich erinnere mich, als ich an der Nicht-Endschlacht teilnahm, als Plänkler, leicht gerüstet, mit kleinem Schild und Breitschwert. Es war jenen Sommer im August sauheiß, 35° auf der Wiese, Hunderte von Spielern und Nicht-Spielern und ich mittendrin. Der Kampf dauerte ewig, gefühlt, real waren es ein paar Stunden. Ich ertappte mich dabei, als die ersten Wellen erschlagen waren, wie ich mich hinsetzte, mich im Spiel verarzten ließ von einer jungen Heilerin, welche mir ohne darum bitten zu müssen, vollkommen selbstverständlich Wasser reichte, im Spiel fragte wie es mir ginge, ob ich verletzt sei und ich sie entgeistert anblickte und feststellte, dass meine Zähne klapperten und ich fror…

Bei 35° in der prallen Sonne!

Und dann erinnerte ich mich an meine Schulzeit, an den Biologie-Unterricht, daran, was Adrenalin im Körper macht und was passiert, wenn es dem Kreislauf wieder entzogen wird.

Ja, das war ein absolut krasses Erlebnis!

Und definitiv nicht das Letzte.

Zeit für eine Beichte…

Ich gestehe, ich bin Live-Rollenspieler, es ist keine Droge und auch keine Krankheit, nur eine von vielen Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen und sein Leben mit einer gewissen Würze noch lebenswerter zu machen. Live-Rollenspiel ist nicht nur ein spaßiger und mitunter anstrengender Zeitvertreib, er ist eine sehr lehrreiche Freizeitbeschäftigung. Ob man sich nun wochenlang mit Primär-Literatur über ein bestimmtes Naturvolk Südost Neu-Guinea, welches man demnächst darstellen möchte, beschäftigt, wochenlang die Nähmaschine quält, sich neue Schnitte ausdenkt, eine neue Sprache, neue Zeichen, Bücher mit Text füllt, Gedichte, Liturgien, Geschichten oder ob man seine soziale Kompetenz oder Führungsqualität im Spiel auf die Probe stellt: Es ist alles möglich! Und man hat nichts zu befürchten, denn es ist ein Spiel und Konsequenzen sind Teil des gemeinsamen Spiels, welche im Spiel verbleiben, wenn man die Rolle und die jeweilige Spielwelt verlässt. Jedenfalls sollte dies so sein…

Ich habe über das Hobby sehr viele liebe Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet kennengelernt, viele gute bis sehr gute Freundschaften sind erwachsen und auf jeder Veranstaltung feiert man erneut ein Wiedersehen und freut sich auf eine schöne gemeinsame Zeit und tolles, intensives Spiel.

Darum möchte ich an dieser Stelle schlichtweg all jenen Menschen danken, die mich, bewusst oder unbewusst, auf diesem Weg bis hierhin begleitet haben.

Auch Ihr ward Teil meines Lebens und bleibt es für immer, denn der Weg der hinter mir liegt ist, was ich bin.

Ich danke Euch, für Eure Aufmerksamkeit!

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